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SHIWA - Die Prophezeiung des Einhorns


ISBN 978-3-940209-50-4
Taschenbuch 134 Seiten
14,90 €

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erhältlich:
+ NOEL-Shop PORTOFREI
+ Amazon
+ Buchhandel

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Covergestaltung:
Gabriele Benz
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Altersgruppe:
für Erwachsene

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© Autor: Petra Starosky

Klappentext:

Licht geistert durch die verlassene Burg Euleborn und versetzt die Bewohner des kleinen Dorfes im schlesischen Eulengebirge in helle Aufregung. 

Wie aus alten Legenden überliefert, wünscht auch die neue geheimnisvolle Burgherrin sechs Jungfrauen des Dorfes in ihre Dienste zu nehmen. 

Sophie, ein ebenso lebenslustiges wie furchtloses Mädchen, ist tief enttäuscht, dass sie nicht zu den Auserwählten gehört.
Neugier und Neid nagen ständig an ihr, bis sie den verhängnisvollen Entschluss fasst, sich eigenmächtig in die Burg einzuschleichen. 

Begleitet von schauerlichem Wolfsgeheul dringt sie  bei Sonnenuntergang in das alte Gemäuer ein . . .

 

Leseprobe:

Herbst 1802

 

Ich bin Sophie und habe gerade 18 Sommer erlebt, als mein junges Leben durch meine ungezügelte Neugier eine dramatische Wendung nahm.
Nichts war mehr wie zuvor.

Nur diesem Tagebuch für mein ungeborenes Kind wage ich die wahre Geschichte anzuvertrauen.

1.
Wie vermisse ich das Eulengebirge, meine Heimat, Muttel und Vatel. Die Erinnerung an harte, aber glückliche Kindertage schnürt mir das Herz. Wie lang scheint mir diese Zeit her, obwohl kaum ein halbes Jahr vergangen ist seit jenen schrecklichen Ereignissen, die unser Dorf heimsuchten. Bittere Tränen bilden schon kleine Seen auf dem Papier und die Tinte verläuft.
Doch nun will ich mich zusammenreißen und meine Geschichte diesen bleichen Blättern anvertrauen:

Ich wohnte bis zu jenen schicksalhaften Tagen im letzten Herbst mit meinen Eltern und meinen beiden größeren Schwestern in einem kleinen Weberdorf zwischen Eulengebirge und Riesengebirge.
Vor uns breiteten sich die sanften Hügel aus, bucklige Erhebungen mit dichtem Tann bewachsen. In den Tälern ließen sich Schafe, Ziegen und Kühe das saftige Gras schmecken und gaben bereitwillig ihre Milch – und so einiges mehr, aber das dann wohl nicht so ganz freiwillig.
Hinter uns jedoch, wo die Sonne zu Mittag rastet, erhoben sich die schroffen Felsen des Riesengebirges.

Über den Bergen und den grünen Weiden zogen im Sommer Schäfchenwolken dahin. Manchmal verfingen sie sich auf der Wielka Sowa – der hohen Eule, als würde wahrhaftig eine riesige Eule auf dem höchsten Berg des Eulengebirges hocken und mit ihren Schwingen die kleinen Wölkchen gefangen halten. Doch meist flohen sie recht bald wieder aus dieser Umarmung. Und manchmal trieb der Wind sie dann über unser Dorf hinweg hinauf zum kahlen Gebirgskamm. Ich liebte es ihnen zuzusehen, wie sie scheinbar widerwillig zum Gipfel emporstiegen und dort oben verweilten, als müssten sie sich vom schweren Aufstieg ausruhen, bevor sie ihre Reise am Himmelszelt fortsetzten und meinem Blick entschwanden. Wie gern wäre ich mit ihnen gesegelt in fremde Länder! Bei diesen Gedanken gerate ich schon wieder ins Träumen, obwohl gerade diese Träumerei und Neugierde mein Schicksal bestimmte.

Am Dorf vorbei schlängelte sich eine viel befahrene Straße hinauf zu einem Pass über das Riesengebirge. Die kleinen Weberhäuschen drängten sich wie Schutz suchend um die hölzerne Kirche neben dem Gasthaus. Und doch lugten sie neugierig zwischen den alten Obstbäumen hinter der Herberge hervor, um einen Blick von der weiten Welt zu erhaschen, die hastig auf der Straße vorbei eilte, ohne selbst in ihrer dörflichen Beschaulichkeit gestört zu werden.

Kaufleute, Hausierer, fahrendes Volk und Mönche verweilten oft eine Nacht in unserem für seine gute Küche weit bekannten Wirtshaus und brachten Neuigkeiten von diesseits und jenseits der Berge mit. Sie erzählten oft von großen Städten mit Häusern aus Stein; Kirchen, so groß, dass unser ganzes Dorf mitsamt dem Vieh darin sich verlaufen könnte, ausgeschmückt mit vergoldeten Marienstatuen; von prächtigen Schlössern inmitten von Gärten mit vielen bunten Blumen und lustig hüpfenden Springbrunnen. Frauen in kostbaren Gewändern spazierten durch den Park in Gewändern aus Stoffen, wie wir arme Leinenweber sie nie weben und erst recht nie tragen könnten.
„Im Scheitniger Park in Bresslau (Schreibweise der Stadt Breslau um 1800) steht eine riesengroße steinerne Säule. Oben darauf thront der frühere König Friedrich Wilhelm II“, berichtete einmal ein Mönch.

Ein reich gekleideter Kaufmann wollte es nicht glauben. „Woher wollt Ihr das eigentlich wissen? Der sitzt doch so hoch, fast schon im Himmel. Da kann man gar nicht erkennen, wer das sein soll.“
Der Mönch ließ sich jedoch nicht beirren. „Doch, doch, man hat die Säule errichtet, als der König 1786 Bresslau besuchte.“

Diesen und vielen anderen unglaublichen und erstaunlichen Berichten lauschten die Männer des Dorfes mit offenen Mündern abends beim Wirt. Später schüttelten sie ihre Köpfe und taten das Gehörte meist als Prahlerei und Wichtigtuerei einfach ab. Ich aber konnte gar nicht genug von den vielen Geschichten bekommen, die Vatel abends aus dem Wirtshaus mitbrachte.

„Wie gern würde ich das alles einmal selbst sehen“, seufzte ich oft. Doch immer musste ich mich nur mit den wenigen Erzählungen und einigen Zeichnungen in den Büchern in der Bibelstunde des Herrn Pfarrer begnügen.

„Mädel, bist du schon wieder auf der Wiese und ziehst dem Zickel am Schwänzel!“, schimpfte Muttel jedes Mal, wenn sie mich beim Träumen erwischte. „Die große weite Welt ist nichts für unsereins. Hilf mir lieber auf dem Feld. Was soll nur aus dir wer-den?“
Es war nicht so, dass ich faul war, nein, ich arbeitete meistens den ganzen Tag fleißig im Garten, auf dem Feld, beim Ziegen melken und im Haus, während Vatel am Webstuhl saß und Muttel Garn spann. Aber meine Gedanken schwebten immer wieder hinaus über die Berge.
„Du kannst froh sein, wenn bei deinen Flausen überhaupt mal irgendein junger Mann um deine Hand anhalten wird“, zeterte Muttel mehr als einmal. „Vatel, nun sag doch auch mal was!“
Vatel zog zwar ein ernstes Gesicht, doch seine Augen lächelten. Ich war die jüngste von seinen drei Töchtern und er war sehr nachsichtig mit mir. Sicher teilte er meine Meinung, dass ich zum Heiraten noch viel zu jung sei.

Bei Theresia würde es wohl auch nicht mehr lange dauern. Gustav, der Bäudlersohn aus dem Nachbardorf scharwenzelte schon auffällig oft um sie herum.
Liesl, unsere Älteste, war bereits verheiratet und hatte selbst schon eine Tochter, meine kleine Nichte Kathi.

Ich erinnere mich noch genau, als der Josef damals mit seinem Paten eines Abends bei uns erschien und mit Vatel sprechen wollte.

Wir drei Mädel wurden in die Schlafkammer geschickt. Liesl, ganz rot vor Aufregung im Gesicht, flüsterte uns zu: „Der Josef will beim Vatel um meine Hand anhalten. Wir treffen uns doch schon lange heimlich.“
Theresia und ich schauten uns an und prusteten los. Als wenn wir das nicht wüssten. Das ganze Dorf sprach doch schon davon.

Liesl lief unruhig hin und her. „Warum dauert das nur so lange? Ob Vatel was gegen meinen Josef hat? Er wird doch wohl nicht nein sagen. O bitte lieber Gott, mach, dass er einwilligt.“
Endlich kam der erlösende, wenn auch streng klingende Ruf vom Vatel: „Liesl, komm runter. Sofort!“
Liesl konnte gar nicht schnell genug die steile Stiege hinab rennen. Theresia und ich folgten ihr neugierig, hielten uns aber im Flur versteckt. Muttel stand inzwischen ebenfalls in der Küche.
„Liesl, das ist der Josef und sein Pate. Josef hat gerade um deine Hand angehalten. Bist du mit damit einverstanden?“
Vor lauter Aufregung und Glückseligkeit brachte Liesl kein Wort hervor, sie nickte nur eifrig.
Josef griff nach ihrer Hand, was Vatel mit einem Stirnrunzeln bemerkte. Doch Muttel lächelte, schließlich wusste sie auch seit langem Bescheid.
„Gut, damit seid ihr nun offiziell verlobt“, erklärte der Pate.
Vatel holte aus dem guten Schrank seine Flasche Korn und drei Gläser für die Männer. Muttel konnte vor Rührung kaum die Tränen zurückhalten.
„Gottel’ ne, meine Große wird heiraten“, schluchzte sie immer wieder.

Am darauf folgenden Sonntag wurde in der Kirche offiziell das Aufgebot bestellt und der Tag der Hochzeit festgelegt. Das ganze Dorf geriet in Aufregung über das bevor-stehende Hochzeitsfest. Ich sehe sie noch genau vor mir, wie wunderschön sie im Brautkleid aussah, das schon Muttel trug.
Liesl strahlte glücklich, als sie am Arm vom Vatel in die Kirche schritt und zusammen mit Josef das Ehegelübde vor dem Herrn Pfarrer, der fast vollzählig erschienenen Dorfgemeinde und Gott ablegte. Vom Huxtessen und dem Tanz im Kretscham sprach man noch lange im Dorf.
Am nächsten Tag schon zog Liesl mit Josef in ein kleines Haus, nicht weit von uns. Bei uns war es auf einmal seltsam still, obwohl wir immer noch zu viert waren.
Und kaum ein Jahr verging und Klein-Kathie lag schreiend in der Wiege. Wie glücklich Muttel und Vatel waren, na, von Liesl und Josef mal ganz zu schweigen.
Dieses Glück blieb Theresia und mir verwehrt.

Doch es gab auch einen dunklen Schatten, der über unserem Dorf lag. Bevor die Handelsstraße den steilen Pass über den kahlen Bergkamm erklomm, zweigte wenige Minuten nach dem Wirtshaus ein schmaler Fahrweg ab und führte durch dichten Wald zu einer alten, verlassenen Burg, der Euleborn.
Düster hockte sie, uneinnehmbar umgeben von einem tiefen, wildrosenberankten Graben, auf einem Felsvorsprung auf halber Höhe unterhalb des Bergpasses. Ihren Namen soll die Burg von den zahlreichen Eulen erhalten haben, die die Berghöhlen und später die Gemäuer bevölkerten, und von einem kleinen Quell, der oberhalb der Burg als dünnes Rinnsal aus einer bemoosten Felsspalte tritt. Das klare Wasser bahnt sich noch heute seinen Weg durch den tiefen Burggraben, aber es ist zu wenig, um den Graben mit Wasser zu füllen. Die Feuchtigkeit reichte gerade aus, um dorniges Gestrüpp wuchern zu lassen.
Vier runde Türme mit einigen blinden Fenstern und Schießscharten wachten über den Weg zur Burg mit der morschen Zugbrücke.
Was hinter den unüberwindlich erscheinenden Mauern lag, vermochte keiner genau zu sagen. Etwas Drohendes, Unheimliches ging von der Burg aus. Nicht einmal irgendwelch zwielichtiges Gesindel wagte in den Burghof einzudringen. 

 Rechtmäßig gesehen gehörte unser Dorf zur Euleborn, war dem Burgherren zur Treue und Versorgung mit Nahrung, Brennmaterial und Dienerschaft verpflichtet. Dafür sollte die Garde des Grafen das Dorf vor Gefahren schützen. Doch seit vielen Jahren gab es keine Forderungen mehr, aber auch keinen bewaffneten Schutz. Die Dorfgemeinschaft war’s zufrieden. Bislang war ja auch kein Fall von Bedrohung aufgetreten, der einen gräflichen Schutz erfordert hätte.

Nur die Ältesten erinnerten sich noch an den unheimlichen Grafen. Er verschwand mitsamt seiner Familie und Dienerschaft bei Nacht und Nebel vor langer Zeit spurlos aus seiner Festung.

Zahlreiche schaurige Geschichten von Geistern, Dämonen und Wölfen ranken sich von jeher um die Burg. Nach dem plötzlichen Verschwinden der gräflichen Familie tauchten neue, gruselige Geschichten auf. Manche meinten, Rübezahl hätte seine Finger im Spiel gehabt, andere glaubten, der Graf hätte sich mit schwarzer Magie den Teufel in seine Burg holt.
Wer sich beim Beerensammeln oder Pilzesuchen in die Nähe der Burg verirrte, vermeinte einen eisigen Hauch auf der Haut zu ver-spüren.
„Unheimlich war’s“, berichtete eine Pilzmutter im letzten Herbst erst wieder.
„Der Wind verstummte plötzlich in den Baumwipfeln, dafür hörte ich seltsame Geräusche. Sie klangen wie bösartiges Murmeln, als wenn eine Hexe mit ihren Zaubersprüchen Unheil ausheckt. Glaubt’s mir, es kam von der Burg!“
Selbst dem sonst furchtlosesten Mannsbild jagten in der Nähe der Euleborn eisige Schauer über den Rücken und er nahm die Beine in die Hand, um diese unheimliche Gegend schnellstens hinter sich zu lassen – erzählten die Männer abends beim Bier.

Zur Freude der Kinder wurden diese alten Märchen auch oft in langen Winternächten von den Erwachsenen am knisternden Kamin erzählt. Im behaglichen Feuerschein glaubte allerdings keiner ernsthaft, dass auch nur ein Fünkchen Wahrheit in diesen alten Legenden stecken könnte.
Eine verhängnisvolle Leichtsinnigkeit, wie wir dann im Herbst bitter feststellen mussten und die einige mit ihrem Leben bezahlten.

 
2.
Der Oktober meinte es in diesem Jahr ungewöhnlich gut mit den Bewohnern unseres kleinen Bergdorfes. Der Monat neigte sich bereits dem Ende und noch immer sandte die Sonne ihre goldenen Strahlen zwischen den bunt belaubten Obstbäumen und hohen Tannen hinab.

Es war Samstagnachmittag, als das Unglück seinen Anfang nahm und uralte, verlachte Legenden zu neuem Leben erwachten.
Friedlich saßen die Frauen des Dorfes vor ihren Häusern, genossen den letzten Hauch von Sommerwärme und verbreiteten eifrig den neuesten Klatsch. Auch die meisten Männer, erschöpft von schwerer Tagesarbeit, gönnten sich vor dem Wirtshaus ein kühles Bier. Der beleibte Dorfälteste und sogar der Herr Pfarrer gesellten sich zu ihnen.
Wenn auch weniger redselig als die Frauen, drehte sich auch ihr Gespräch um beunruhigende Neuigkeiten, die vor einigen Tagen durchreisende Fremde mitgebracht hatten. Holzfäller und Köhler heizten die Gerüchte mit ihren Erlebnissen aus dem Wald weiter an. 

„Ungewöhnlich viele Wölfe streunen in den Wäldern umher. Beim Frantek haben sie zwei Schafe gerissen.“
„Tja, da sollten wir wohl mal wieder auf Wolfsjagd gehen, bevor sie im Winter ins Dorf einfallen und noch mehr von unserem Vieh holen.“

In diesem Punkt waren sich die Männer einig. Das schaurige Geheul erklang seit einiger Zeit fast jede Nacht und beunruhigte uns.
„Und der alte Graf soll tatsächlich wieder auf die Burg zurückgekehrt sein.“
„Das kann nicht sein, der ist seit fast sechzig Jahren weg, und damals soll er schon ganz schön alt gewesen sein. Muss wohl sein Sohn oder Enkel sein“, wusste der Wirt zu verbessern.
„Wenn er nicht gerade wieder Jungfrauen vernaschen will, soll’s mir recht sein“, brummte daraufhin der alte Janek ohne seine erloschene Pfeife aus dem Mund zu nehmen. Er spielte damit auf eine dieser alten Überlieferungen an, nach der der alte Graf immer wieder nach Jungfrauen aus dem Dorf verlangt haben soll.

Ein gutgekleideter Gast, der am Nachmittag im Wirtshaus Quartier bezogen hatte, mischte sich in das Gespräch der Dörfler ein. „Ich hörte, es soll eine Gräfin sein, aus Dresden stammend und eine Nachfahrin des alten Grafen, die sich wegen einer Familientragödie in die Einsamkeit der Berge flüchtet.“
„Auch gut.“
„Sie wird doch bestimmt was zu Essen und vielleicht auch Küchenkräfte und Dienerschaft brauchen.“
„Und Brennholz.“
„Bestimmt. Da oben in den kalten Mauern möchte ich nicht den Winter ausharren müssen. Muss doch lausig kalt sein.“

Der Dorfälteste sinnierte, ob er mit einigen weiteren Bewohnern bei der neuen Herrin vorstellig werden sollte, um die Dienste des Dorfes anzubieten und ergänzte: „Bevor sie sich Fremde auf die Burg holt.“
„Richtig, schließlich steht es uns zu“, unterstützten die Männer seine Überlegungen.
Alsbald einigten sie sich, dass der Dorfälteste und der Herr Pfarrer am Sonntag nach dem Gottesdienst der Gräfin ihre Aufwartung machen sollten.

Die Frauen kramten die alten Legenden wieder hervor und flüsterten hinter vorgehaltener Hand. Jede wusste etwas anderes zu berichten.
Meine Schwester Theresia, zwei Jahre älter als ich, und ihre Freundinnen wollten mehr über die mysteriösen Ammenmärchen erfahren.
„Nur die uralte Muhme an der Bergwiese kennt noch alle alten Geschichten.“
„Und geschwätzig ist sie außerdem“, lachten die Mädchen und ermunterten sich gegenseitig, an diesem sonnigen Nachmittag hinüber zu laufen, um der Alten die Geheimnisse zu entlocken. Von Natur aus neugieriger als gut für mich war, schloss ich mich ihnen an.

Ihr Häuschen lag am Ende des Dorfes. Ein schmaler Weg schlängelte sich wie verschämt durch die Wiesen, bevor er von dichten Hecken gesäumt im scheinbar undurchdringlichen Wald verschwand. Nur selten benutzte ein Dorfbewohner diesen düsteren Weg, der ebenso wie die etwas östlicher gelegene Straße zur Euleborn hinauf führen sollte. Unheimliche Geschichten rankten sich auch um diesen Pfad, genau wie um die alte Burg, die dunkel und drohend über dem Dorf aufragte.

Zahnlos und den Blick abwesend in die Ferne über den dichten Tann zu den kahlen Bergspitzen gerichtet, hockte sie auf einem Schemel neben der Haustür ihrer windschiefen Kate.
Kichernd setzten wir uns zu Füßen der alten Muhme.
„Muhme, welches schreckliche Geheimnis verbirgt die Euleborn, warum sind im Dorf alle so aufgeregt?“, drängten wir die Alte, die uns schon früher mit vielen schaurigen Geschichten das Gruseln gelehrt hatte.
Ihr Blick schien aus weiter Ferne zurückzukehren. Erstaunt sah sie uns an, als wenn sie erst jetzt unsere Anwesenheit bemerkt hätte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr runzliges Gesicht.
„Kinder, könnt ihr nicht einer alten Frau ein wenig Frieden und Ruhe in der letzten Wärme des Lebens gönnen? Bald schon wird großes Unglück über uns hereinbrechen. Geht lieber und genießt eure Un-schuld, solange ihr sie noch habt“, orakelte sie.

Natürlich gingen wir nicht, sondern schmeichelten ihr wortreich, um sie zum Reden zu bewegen. Eine Weile zierte sie sich noch, blickte uns nacheinander aufmerksam an.

Schließlich nickte sie. „Nun gut, vielleicht ist es wirklich besser, ihr erinnert euch der alten Sagen. Sie sind bei weitem nicht so weit hergeholt wie euch eure Eltern glauben machen. In jeder Überlieferung steckt ein Kern Wahrheit, auch wenn er noch so unwahrscheinlich anmutet.“

Wieder schweiften ihre müden Augen hinauf zur Burg. „Seit vielen hundert Jahren thront sie dort oben auf dem Felsvorsprung. Meine Großmutter erinnerte sich aus ihrer Jugend an rauschende Feste der Grafenfamilie. Prächtige Kutschen fuhren den schmalen Fahrweg hinauf und reisten erst Tage später wieder ab.

Dann leuchteten alle Fensteröffnungen vom hellen Lichterschein. Spielleute, Gaukler und anderes fahrendes Volk belustigten die Gesellschaften. Oft konnte man ihre fremdländische Musik bis unten im Dorf hören. Fässer mit Bier und Wein wurden über die Berge zur Burg gekarrt. Die Händler blieben oft eine Nacht in unserem Kretscham. Und fast immer konnte der Wirt den Händlern ein Fässchen der unbekannten Köstlichkeiten abluchsen. So hatten die Mannsbilder auch stets einen Grund zum Feiern.
Zahllose Schweine, Rinder und Hühner forderte der Graf zu jedem Gelage. Erfreulicherweise zahlte er sogar dafür.

Die Bauern brachten ihre Waren immer pünktlich zu Sonnenuntergang an das Burgtor. Ein mürrischer Diener lenkte die Wagen eigenhändig in den Burghof, um sie kurz darauf entladen zurückzubringen. Keiner der Bauern hat meines Wissens je einen Fuß über die Zugbrücke gesetzt. Eine beklemmende Kälte soll ihnen aus dem Tor entgegengeweht, wie eisige Finger über ihre Gesichter gestrichen sein und ihre Lebensgeister gelähmt haben. Selbst die Pferde und Ochsen, die die Wagen in den Hof ziehen mussten, scheuten mehr als einmal vor dem Tor und konnten nur mit Schlägen hineingetrieben werden.

Manch einer berichtete von schauerlichen Seufzen und Schluchzen hinter den dicken Mauern, andere von grausigem Gelächter, das im Inneren der Burg widerhallte. Zuckender Feuerschein tanzte über der Burg, wie von einem riesigen Höllenfeuer. Die Eiseskälte und das Flammenspiel gebaren unglaublichste Gerüchte.

Hinter vorgehaltener Hand flüsterten viele von wilden Orgien mit Teufeln und Dämonen.
Jeder war froh, wenn er seinen Wagen zurück erhielt und schleunigst der Burg den Rücken kehren konnte.

Die fürstliche Entlohnung des Grafen ließen sich die Bauern jedoch nicht entgehen und nahmen die kurze Zeit des gespenstigen Wartens in Kauf.
So lebte es sich nicht schlecht hier, der Graf sicherte uns einen bescheidenen Wohlstand, so dass sich niemand über eigenartige Wünsche des Grafen wunderte oder gar zu beklagen wagte.

Der seltsamste Anspruch erschien uns, dass an jedem ersten Vollmond des neuen Jahres eine Jungfrau des Dorfes zur Burg hinauf gebracht werden sollte. Es galt als eine große Ehre für die Familie, wenn die Wahl auf eine ihrer Töchter fiel. Man ging davon aus, dass die Gräfin eine neue Zofe verlangte. Mit einem eigenen Gottesdienst segnete der Pfarrer die Auserwählte und ermahnte sie zu Gehorsam gegenüber der gräflichen Familie und Gott, bevor sie üblicherweise von ihrem Vater und dem Pfarrer bei Einbruch der Dämmerung bis zur Burg begleitet wurde. Die letzten Schritte über den tiefen Graben musste sie allein ihrer ungewissen Aufgabe entgegen gehen. Trotz der ihnen erwiesenen Ehre ließen viele Eltern ihre Töchter nur schweren Herzens ziehen, ward doch keines der Mädchen je wieder gesehen, ihr Schicksal blieb uns verborgen. Bis heute weiß niemand mit Bestimmtheit zu sagen, wohin ihr Weg sie geführt haben mochte.

Diese Tradition setzte sich bis zum mysteriösen Verschwinden der Grafenfamilie – damals war ich ein kleines Kind von kaum zwei Sommern – fort und lieferte Gründe für die wildesten Spekulationen. Dienten sie als Zofen der Gräfin, verrichteten sie Küchendienste oder mussten sie dem Grafen und seinen Gästen zu Willen sein? Wurden sie nach einiger Zeit weitergeschickt an andere Höfe? Einige behaupteten, die Gräfin könne keine Kinder bekommen und der Graf würde sich die Mädchen als Mätressen wählen, um einen Erben zu zeugen.

Doch gab es auch weniger erfreuliches Gemunkel – von grausamen Opferritualen für teuflische Dämonen und gierigen Vampiren, die das frische Blut von Jungfrauen liebten.

Schon damals brachten, wie auch heute noch, viele Durchreisende die unglaublichsten Nachrichten aus allen Himmelsrichtungen mit. Die geschwätzigen Postkutscher, die regelmäßig in unserem Wirtshaus Station machten, waren zwar bekannt für ihre maßlosen Übertreibungen, doch vieles wurde von anderen Mitreisenden bestätigt. So warnten sie zu dieser Zeit vor einer räuberischen Horde schwer bewaffneter Reiter.
In moosgrüne Umhänge gehüllt ritten sie auf schwarzen Pferden mit feuersprühenden Augen. Schnell wie der Wind jagten sie durch die Nacht, fielen in die Häuser ein und raubten meist junge Mädchen.

Einige Dörfer organisierten bereits nächtliche Wachen, um ihre Töchter zu schützen.

Doch schien dies die Räuber nicht im mindestens zu beeindrucken, im Gegenteil, sie entführten auch die wenigen Mutigen, die sich ihnen in den Weg zu stellen wagten.

Natürlich beunruhigten solcherlei Geschichten auch die Bewohner unseres Dorfes, doch zählten sie auf den Schutz des Grafen. Außerdem wurden diese fürchterlichen Reiter auch nicht in unserer Nähe gesichtet.

Dieser ganze Spuk hörte plötzlich auf, seltsamer Weise zur gleichen Zeit, als auch unser Graf samt Gefolge spurlos verschwand.

Zeit meines Lebens erschien die Burg von jeglicher Menschenseele verlassen und unbewohnt. Hin und wieder streiften Wölfe um die Gemäuer und heulten den Mond an, dass einem das Mark in den Knochen gefrieren konnte. Eulen und Fledermäuse quartierten sich in den Türmen ein, als wachten sie darüber, dass sich auch nicht einmal kleines Wildgetier ansiedeln konnte.

Obwohl die Zugbrücke nicht heraufgezogen sein sollte, wagte es niemand, seinen Fuß in die Burg zu setzen. Man sollte davon ausgehen, dass das Innere unberührt seine Geheimnisse hütet.“

 
Sichtbar erschöpft hielt die alte Muhme inne. Die Sonne schickte sich an, ihren Tageslauf zu beenden, schon erklomm der noch nicht volle Mond seine Himmelsbahn, als wollte er die Sonne auffordern, das Feld zu räumen.

„Doch seit einigen Tagen geht Seltsames auf dem Felsen dort oben vor sich. Mehr Wölfe als je zuvor sammeln sich, flackernder Lichtschein dringt nachts durch die Bäume. Neblige Schatten schleichen im Mondschein über die Wiesen, verschwinden auf dem gewundenen Pfad zwischen den dichten Tannen. Oft hörte ich die todverkündenden Käuzchen rufen.“

Wie zur Bestätigung ihrer Worte ertönte ein unheimliches „Kiwitt Kiwitt“ aus dem nahen Wald und ließ uns zusammen zucken. Obwohl sich kein Lufthauch regte, lief mir ein eisiger Schauer über den Rücken.

„Böses ist zurückgekehrt! Geht nun nach Hause und gedenkt meiner Worte, wenn in der nächsten Zeit unerwartete Ereignisse über das Dorf hereinbrechen. Mögen sie euch helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gott schütze euch!“

Mit einem tiefen Seufzer erhob sie sich und schlurfte schwer auf ihren knorrigen Stock gestützt in ihr Haus.

Laut krachte die Tür ins Schloss und erweckte uns aus einer Art Trance. Ein wenig verunsichert rieben wir uns die Augen und verließen wortlos mit einem unguten Gefühl den verwilderten Garten der alten Muhme.

Wir sollten sie nie wieder sehen, sie starb noch in jener Nacht.

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