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SHIWA - Die Prophezeiung des Einhorns


ISBN 978-3-940209-17-7
Taschenbuch 367 Seiten
16,90 €

********************
erhältlich:
+ NOEL-Shop PORTOFREI
+ Amazon
+ Buchhandel

********************

Covergestalter:
Mark Freier

********************

Altersgruppe:
ab 14 Jahre 

Klappentext:

Jede Geschichte dieser Anthologie bewegt sich AM RANDE DES HORIZONTS. 

30 Autoren aus verschiedenen Ländern laden Sie auf eine ganz besondere Reise ein ... die Reise aus der Realität in die Traumwelt ihrer Geschichte. Begleiten Sie uns!

Vielleicht begegnen wir dort nicht nur Menschen, sondern auch Drachen, Hexen, Feen, Zwergen, Vampiren, Dämonen, Bestien, Geistern, Zauberern und einem Einhorn!

     

Autorenliste
1. Platz:
Gorny, Nicolas - Das Schattenbuch

2. Platz:
Dethlefsen,Tim Marcus Dethlefsen – Dai

3. Platz:
Kickers, Carola – Rosycroix – Zeichen der Unsterblichkeit

 

Die weiteren 27 Geschichten, die es ins Siegerbuch geschafft haben, sind in
alphabetischer Reihenfolge aufgeführt:
Angelides, Joana  – Brücke über den schwarzen Fluss
Awert, Wolf – Die erste Rune
Bathon, Roland – Die Drachenkralle
Bednorz, Blanka + David – Das Gift der Liebe
Bethe-Hartwig, Martina – Tondra, der Bergkrieger
Coesfeld, Markus – Dämon und Bestie
Dörwaldt, Martin – Das Frühlingsmondfest von Vall Nur
Dünner, Gwendolyn – Das Portrait
Gürtler, Petra – e-mail an Edward
Hamers, Nadine – Der Ruf des Meeres
Hemmersbach, Erika – Der Weltentunnel
Illichmann, Bernd – Die Zwerge der anderen Welt
Klostermeier, Petra – Prinzessin Feuersturm
Kürschner, Felizitas – Die Nacht des Dullahan
Lafrentz, Manfred – Im Tal des Hexenmeisters
Lindner, Martin – Im Auge des Drachen
Meinschad, Michael + Wenzel, Frederic – Feentraum
Pfister, Astrid – Die zwei Gesichter eines Kriegers
Pielke, Thomas – Mörk Skogen
Reisig, Mark – Musevi und Sodalis
Schäck, Andrea – Die Träne des Drachen
Schlicht, Chris – Wahre Helden
Schmidt, Bettina C.  – Drachenlords
Skokow, André – Ein Horn
Wernert, Stefan – Die Hexe von Fichtenwalde
Wimmer, Paul – Der Weltenwächter
Ziegler, Luana – Runenkind

Die Siegergeschichte:

Das Schattenbuch
Nicolas Gorny

Totenstille. Jakobo konnte sein Herz schlagen hören, so laut und heftig, als wollte es ihm jeden Augenblick aus der Brust springen. Er zitterte, aber nicht wegen der win-terlichen Kälte, die ihm mit eisigen Fingern in die Wangen zwickte. Der flackernde Schein seiner Laterne geisterte über bleiche Grabsteine, bleich wie die Knochen, die darunter, tief in der feuchten Erde, faulten. Zeile um Zeile erstreckten sie sich rings-um ins Dunkel des Friedhofs. Irgendwo schrie eine Eule, unsichtbar in der sternenlosen Nacht.

Jakobo hatte Mühe mit seinem Meister Schritt zu hal-ten, der mit flatterndem Umhang vorausstürmte. In seinem tintenschwarzen Gewand sah der Silberzahn wirklich wie eine riesige Fledermaus aus – oder wie ein böser Geist. Hin und wieder blieb er stehen und wartete, bis der Junge ihn eingeholt hatte. Selbst in der schier undurchdring-lichen Finsternis konnte Jakobo seine Augen erkennen, kalt wie zwei Silbermünzen saßen sie in seinem hageren Gesicht. Mitleidlose Schlangenaugen. Niemandem gelang es ihrem starren Blick lange standzuhalten.

Natürlich hatte der Silberzahn seinem Lehrling nicht gesagt, wonach er suchte. Er verlor ohnehin nur selten ein Wort über seine persönlichen Angelegenheiten und wenn, dann sprach er meistens in Rätseln. Auf dem Friedhof sei ein unbezahlbarer Schatz vergraben, behauptete er, der ihm schon sehr bald die Welt zu Füßen legen würde. Wo-bei Jakobo bezweifelte, dass es sich bei dem Schatz um eine Truhe voller Gold und Edelschmuck handelte. Dem Silberzahn ging es nicht um Reichtum, nein, er gierte ein-zig und allein nach Macht. Macht, die man sich nicht mit Gold oder Silber erkaufen konnte, sondern ausschließlich mit Angst. Also, was immer er hier zu finden glaubte, es musste etwas Dunkles sein. Etwas Verbotenes.

Wieder schlichen sich die leisen Zweifel in Jakobos Gedanken, die ihn in letzter Zeit immer öfter plagten. Was, wenn er seinem Meister geradewegs ins Verderben folgte? Was, wenn er im Begriff war, seine Seele an das Böse zu verlieren? Noch war es nicht zu spät umzukehren, einen anderen Weg einzuschlagen. Noch konnte er sich retten. „Lauf!“, flüsterte es in ihm. „Lauf soweit fort, wie dich deine Beine tragen können!“

Aber er tat es nicht. Tief in seinem Inneren hatte er sich nämlich bereits entschieden.

„Hier ist es!“, rief der Silberzahn schließlich, ohne sich um die Ruhe der Toten zu scheren. Er fürchtete sich we-der vor Geistern, noch vor ihrem kalten Zorn. In seinem Herz, geschwärzt von Verschlagenheit und Rachsucht, vernarrt in die eigene Bosheit, war kein Platz mehr für die Angst, die sich doch so gerne in die Köpfe der Menschen schlich und ihre Gedanken vergiftete.
Er kniete sich vor das Grab und befreite den verwitterten Stein von widerspenstigen Efeuranken. Es kam kein Name dahinter zum Vorschein, kein einziger Buchstabe oder irgendein Zeichen, so als hätte jemand den Stein zu ewigem Schweigen darüber verurteilt, zu wessen Gedächtnis er aufgestellt worden war. Aber war es den Toten nicht gleich, ob sich einer der Lebenden noch an sie erinnerte?
Jakobo rührte sich nicht, als der Silberzahn ihm den Spaten in die Hand drückte, den er unter seinem wallen-den Umhang verborgen hatte – wie eine Waffe.
„Es ist falsch!“, dachte Jakobo. „So falsch!“ Er starrte reglos auf den namenlosen Stein. Es war eine Sache, sich mit den verbotenen Lehren zu beschäftigen, aber einen Toten auszugraben war etwas ganz anderes.
„Worauf wartest du noch? Fang gefälligst an zu graben!“, fuhr der Silberzahn ihn ungeduldig an. Seine Stimme war nicht weniger eindrucksvoll als seine düstere Erscheinung. Tief und schwer klang sie, wie das Knurren eines hungrigen Wolfes. Jedes einzelne Wort, das sie mit der Zunge formte, war hart wie eine Drohung.

Widerwillig stellte Jakobo die Laterne auf dem Boden ab und stieß die Spitze des Spatens in die Erde. Ihm war, als schaufelte er sich sein eigenes Grab. „Der Teufel wird dich dafür holen!“, fuhr er sich mit stummer Stimme an. Er spürte, wie ihm die Übelkeit die Kehle hinaufkroch. Warum hatte er kein anständiges Handwerk erlernt? Es gab so viele manierliche Berufe, wie zum Beispiel der des Schreibers. Jakobo hatte wirklich eine exzellente Handschrift und beherrschte die Kunst der Kalligrafie fast ebenso gut wie die Herstellung von Pulvern und das Mischen von Tränken. Doch was nützte es, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen? Es war zu spät.

In den nahen Hügeln begannen die Wölfe zu heulen. Jakobo hob den Kopf und lauschte in die Nacht hinein. Hatte er da nicht gerade etwas gehört? Schleichende Schritte? Es gab viele Wölfe in den Wäldern – und andere Wesen, verborgen in der Finsternis. Zum Glück blieben sie meist in ihren Verstecken, zwischen Holz und Blatt-werk. Doch einige von ihnen wagten sich bisweilen zu den Dörfern vor.
„Was ist jetzt schon wieder?“, schnappte der Silberzahn gereizt.
„Ich glaube, ich habe etwas gehört“, flüsterte Jakobo.
„Unsinn! Da ist nichts, nichts außer dem Herzschlag eines jämmerlichen Feiglings.“ Der Meister sog verächtlich an dem silbernen Zahn, der ihm seinen Beinamen eingebracht hatte. In der Stadt wagte es kaum jemand ihn in den Mund zu nehmen, aus Angst sich die Zunge daran versengen zu können. Die Leute flüsterten ihn mit Schrecken und Abscheu, was dem Silberzahn gefiel. Außerdem gab er den schaurigen Gerüchten, die sich um seine Person rankten, ständig neue Nahrung, indem er nur nach Einbruch der Nacht sein Haus verließ und sich oft an Orten herumtrieb, die anderen einen kalten Schauer über den Rücken jagten. Ungemütliche Orte wie verlassene Höfe, verfluchte Gal-genhügel und Friedhöfe . . .

Das Loch, an dem Jakobo schaufelte, reichte ihm mittlerweile bis zu den Knien. Die Erde roch eigenartig mo-drig und beschwor abstoßende Bilder in ihm herauf, Bilder von wurmzerfressenen Särgen und verwestem Fleisch  . . . Schluss! Er versuchte krampfhaft an etwas anderes zu denken, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen.
„Wie lange dauert das denn noch? Ich will vor Sonnenaufgang zurück sein.“ Der Blick des Silberzahns schweifte besorgt hinüber zum Himmel, als fürchtete er, die Sonne könnte jeden Augenblick durch die dunklen Wolken blin-zeln. Aber es war der Mond, der sein kraternarbiges Ge-sicht dazwischen hindurchschob.
Der Silberzahn vertrug kein Tageslicht. Die unzähligen Stunden, die er in seinem dunklen Laboratorium verbracht hatte, hatten seine Haut ausgebleicht. Sie war dünn und rissig wie sprödes Pergament. Er hielt stets alle Fenster-läden verschlossen und verhängte sie zusätzlich mit schweren Stoffen, damit kein schändlicher Lichtstrahl an seinem Gesicht nagte. Deshalb liebte er die Nacht und ihre langen Schatten, in die er sich hüllte wie in ein fürstliches Ge-wand.
„Ich kann es spüren. Ganz deutlich! Es ist hier“, mur-melte er vor sich hin, immer und immer wieder, wie eine dunkle Beschwörungsformel. Dann kramte er in einer seiner Innentaschen herum und zog eine kleine Glasflasche heraus, kaum größer als eine Phiole. Er hob sie an die Lippen, trank und schüttelte sich.  

Jakobo hatte sich während der vergangenen Jahre bereits an die Marotten seines Meisters gewöhnt, an die Selbstgespräche und die Vorliebe für Mitternachtsspazier-gänge, von den ständigen Wutausbrüchen ganz zu schwei-gen. Aber in letzter Zeit verhielt sich der Silberzahn noch absonderlicher als sonst. Tagelang schloss er sich in sei-nem Laboratorium ein, ohne zu schlafen oder eine Mahl-zeit zu sich zu nehmen. Wie oft hatte Jakobo ihm einen Teller Suppe oder Olivenbrot vor die Tür gestellt, in der Hoffnung sein Meister würde zur Vernunft kommen und endlich etwas essen? Nichts davon hatte er angerührt. Natürlich kam es häufiger vor, dass der Silberzahn die Welt jenseits seiner verdunkelten Kammer vergaß, wenn er sich seinen Forschungen und geheimen Experimenten widmete. Doch diesmal war es anderes. So verbissen hatte Jakobo seinen Meister noch nie erlebt. Er war wie beses-sen. Ja, das war das passende Wort dafür! Besessen!
Jakobo hatte Blasen an den Händen, als er mit dem Spaten auf Holz stieß. Seine kostbaren Finger waren wahrlich für feinere Arbeiten gemacht! Er würde sich etwas von der heilenden Kräutersalbe auf die wunden Stellen schmieren müssen, wenn er verhindern wollte, dass sie sich entzündeten.

„Mach Platz!“, kommandierte der Silberzahn, während er umständlich zu Jakobo ins Loch hinabkletterte.
Entsetzt beobachtete der Junge, wie sein Meister mit den Händen in der Grabeserde herumwühlte, sie wegscharrte, bis er endlich den Sargdeckel freigelegt hatte.
„Los, öffne ihn“, schnaufte der Silberzahn. „Bei allen Teufeln, Junge, wird’s bald?“
Jakobo schluckte, aber er gehorchte. Das Holz war morsch und es kostete ihn nicht allzu viel Mühe, um eine Öffnung in den Sarg zu brechen. Kalter Schweiß rann ihm über die Stirn, kalt wie die Angst, die ihm als harter Klum-pen im Magen lag. 

„Was tat er hier nur?“, fragte er sich erneut, während er seine eigenen Tränen schmeckte. Dafür würde er mit Si-cherheit in der Hölle landen, zusammen mit seinem dreimal verfluchten Meister. „Oh, Jakobo, warum hast du dich nicht geweigert bei dieser Sache mitzumachen? Weil du ein elender Feigling bist“, gab er sich selbst die Antwort. Ihm kam ein Schwall übler Luft entgegen, als er den Deckel aufstemmte, um den furchtbaren Inhalt freizulegen. Staub wirbelte auf und hüllte ihn in eine schmutzige Wolke. Er musste husten.
Wortlos schob sich der Silberzahn an ihm vorbei und spähte in den offenen Sarg.
„Hol die Laterne. Ich brauche Licht“, flüsterte er, die Stimme heiser vor Aufregung.
Jakobo tat wie geheißen und reckte gespannt den Hals. Für einen kurzen Moment vergaß er sogar sein Unbehagen – und stutzte.

Der Sarg war leer!

Kein Toter lag darin, friedlich ruhend, die bleichen Kno-chenfinger auf der starren Brust gefaltet. Keine verrottenden Gebeine und auch kein stummer Schädel, der Jakobo aus leeren Augenhöhlen anstarrte. Nichts trug die Handschrift des Todes, die doch so unverkennbare Spuren hinterließ. Jakobo seufzte erleichtert und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Vielleicht war seine Seele ja doch noch nicht verloren.
„Aaah  . . .“, machte der Silberzahn und griff in den Sarg. „Da ist es ja.“
Jakobo stolperte unwillkürlich einen Schritt zurück, als der Meister ein in Leinen gewickeltes Bündel heraushob.
„Nach all den Jahren der endlosen Suche. Endlich bist du mein. Mein!“ Der Silberzahn lachte wie ein Kind, dem man erlaubt hatte mit einem Messer zu spielen.
Behutsam wickelte er das Bündel aus, während sich die nackte Gier auf seine Züge schlich. Nach und nach schälte sich ein Buch aus dem schmutzigen Stoff wie eine grausige Frucht. Nun ja, es sah eher aus wie der Leichnam eines Buches. Der Einband war fleckig vom Schimmel, der wie ein übler Ausschlag das schwarze Leder verunzierte. Es war in einem so schlechten Zustand, dass Jakobo glaubte, es würde jeden Moment auseinander fallen. Wie viele Jahre mochte es wohl schon hier auf dem Friedhof vergraben gelegen haben?
„Das Schattenbuch“, verkündete der Silberzahn.

Die Flamme in der Laterne krümmte und wand sich auf einmal wie unter starken Schmerzen. Dann spürte Jakobo sie auch. Eine bittere Kälte legte sich über ihn, kroch ihm bis unter die Haut und griff ihm ins Herz. Er konnte kaum atmen.
Als der Silberzahn seinen besorgten Blick bemerkte, grinste er noch breiter. Spott flammte in seinen stechen-den Augen auf und schien Funken zu sprühen. „Verwisch unsere Spuren, es wird langsam hell!“

Die letzten Schatten der Nacht zerrannen in der Mor-gendämmerung, als sie zurück-kehrten. Der Silberzahn be-stach die Wachen, damit sie ihnen das Tor öffneten und keine lästigen Fragen stellten. Noch schlief die Stadt und sie blieben unbemerkt, während sie durch das Gewirr enger Gassen eilten.
Sofort drangen die vertrauten Gerüche auf Jakobo ein: der beißende Gestank des Unrats und der Abwässer, die sich mit dem Schlamm auf der Straße vermischten, der würzige Geruch der Holzfeuer und natürlich der kalte Duft von Schnee, der die unausweichliche Ankunft des nahenden Winters anzukündigen schien. Nicht mehr lange, dann würde der Raureif auf den Dächern glitzern und die ersten Flocken durch die Straßen tanzen. Eisig und wundervoll.
Das Haus des Silberzahns befand sich am Ende einer schmalen Gasse, in der die zusammengedrängten Bauten mit ihren ausladenden Geschossen den Himmel fast voll-kommen verdeckten. Es war ein bescheidenes Heim, ohne den Prunk und Protz, mit dem sich die Zaubererzunft andernorts so gerne schmückte. Aber der Silberzahn war eben kein gewöhnlicher Zauberer.
„Wer da?“, krähte der verzauberte Türklopfer, sobald sie sich dem Eingang auf wenige Schritte näherten. Die glühenden Augen des verrosteten Widderkopfes fixierten die Ankömmlinge.
„Ich bin es“, brummte der Silberzahn ungeduldig.
„Seid willkommen“, antwortete der Wächter ehrerbietend, nachdem er die Stimme seines Herrn erkannt hatte. Es waren die metallischen Klickgeräusche der vielen Si-cherheitsschlösser zu hören. Knarrend schwang die Tür auf und gab eine Öffnung in scheinbar völlige Dunkelheit frei.

Jakobo sehnte sich nach einem behaglichen Feuer, um sich daran zu wärmen und nach seinem Bett, um die mü-den Glieder darauf auszustrecken. Vielleicht würde er irgendwo im Haus auch noch ein Stück altes Brot finden, um den Hunger zu stillen, der ihm ein tiefes Loch in den Bauch genagt hatte.
Kaum, dass sie die Schwelle übertreten hatten, entflammten die Leuchter entlang der Wände mit einem scheußlichen Zischen. Ihr spärliches Licht verscheuchte die lauernden Schatten der düsteren Eingangshalle jedoch nur dürftig. Jakobo war schon auf halbem Weg die dunkle Treppe hinauf zu seiner Kammer, als sein Meister ihn zurückhielt.
„Wo willst du hin, Junge?“ Der Silberzahn packte ihn am Unterarm und zerrte ihn grob die Stufen herunter. „Du wirst mir assistieren.“
„Aber … “ Doch während Jakobo in die unbarmherzigen Schlangenaugen starrte, blieben ihm die Widerworte im Halse stecken.
„Es gibt noch eine Menge zu tun“, verkündete der Zauberer und scheuchte seinen Lehrling durch den schmutzigen Korridor, an dessen Ende sich das geheime Laboratorium befand. Dort, wo der Silberzahn den Großteil seines Tagewerks verrichtete.
Kein Zimmer in dem alten Haus mit seinen verwinkelten Gängen und finsteren Ecken war unheimlicher und gefährlicher. Der gewölbeartige Raum leuchtete in glutrotem Licht. Hell loderten die Flammen in dem gewaltigen Kamin auf und ließen Schatten wie Höllengestalten über die Wände tanzen. Dampf stieg aus geschwungenen Glasbehäl-tern und kupfernen Destilliergeräten auf, es zischte und brodelte. Vor allem aber stank es nach Schwefel, Alkohol und anderen rätselhaften Tinkturen. Auf einem langen Tisch, der die Mitte des Raums einnahm, standen und lagen simples Hand-werkszeug und komplizierte Apparate der unterschiedlichsten Art wild durcheinander. Von manchem wusste Jakobo, was es war, doch die meisten Dinge konnte er nicht benennen.

Der Silberzahn hielt darauf zu und verschaffte sich mit einer wegwischenden Hand-bewegung Platz. Behutsam legte er das Buch, das er die ganze Zeit über unter seinem Gewand verborgen hatte, auf den Tisch, dann winkte er Jakobo heran.
„Weißt du noch, wie man ein Beschwörungssiegel zeich-net?“, fragte er, während er die Messingschließen des Buches öffnete. Sie schnappten auf wie kleine Mäuler.
Jakobo nickte.
„Ausgezeichnet. Zieh die Linien gleich dort vorne auf dem Boden.“ Der Silberzahn drückte ihm ein Stück Kreide in die Hand und deutete auf eine Stelle neben dem Tisch. „Aber verschreib dich nicht.“

Sogleich machte sich Jakobo an die Arbeit. Es kam zwar nicht häufig vor, dass sein Meister ihm gestattete einer Beschwörung beizuwohnen, trotzdem verfügte Jakobo über grobe theoretische Grundkenntnisse. Vieles davon hatte er sich heimlich aneig-nen müssen, da der Silberzahn der Auffassung war, sein Lehrling sei noch nicht reif genug, um die Feinheiten der Beschwörungskunst zu begreifen. Es handelte sich dabei um eine heikle Angelegenheit, bei der schon ein kleiner Fehler tödliche Folgen haben konnte. Außerdem erforderte es besondere Nervenstärke und ein gewisses Maß an Wahnsinn, um die Pforte zur jenseitigen Welt zu öffnen. Nachdem er den Bannkreis gezogen hatte, entzündete Jakobo die Talgkerzen und befüllte die Räu-chergefäße. Alles war bereit. 

„Und jetzt trete zurück“, befahl der Silberzahn, während er das Siegel zusätzlich mit einem Ring eckiger Runen versah. Es waren Bändigungsformeln, die zum Schutz vor besonders mächtigen Geistern dienten. Anschließend ge-nehmigte er sich noch einen Schluck aus der kleinen Glasflasche.

Also hatte der Zauberer vor diesmal einen höheren Dämon anzurufen. Ein schreck-licher Verdacht regte sich in Jakobos Brust. War sein Meister etwa im Begriff einen Schattendämon zu beschwören? Nein, unmöglich. So leichtsinnig konnte nicht einmal der Silberzahn sein.
„Meister, solltet ihr für das Ritual nicht besser ausgeruht sein? Vielleicht wäre es klüger, wenn …“ Ein vernichtender Blick ließ Jakobo verstummen. 

Dann schlug der Silberzahn das Buch auf und begann die Zauberformel daraus zu rezitieren. Wörter erfüllten den Raum. Fremde Wörter, maßgeschneidert aus Seelen-schwärze und Teufelslist. Die Luft begann zu flimmern. Jakobo war, als würden die Konturen des Laboratoriums mit einem Mal unscharf und vor seinen Augen verschwim-men. Ein hässliches Stöhnen und Raunen setzte ein. Stim-men, schreckliche, grauen-volle, bösartige Stimmen. Sie fluchten und zischelten Niederträchtigkeiten. Doch das unheimliche Spektakel hatte noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht. Ein mäch-tiger Wind fauchte durchs Zimmer, wirbelte Papiere vom Tisch und fegte sogar einige der Glasgefäße aus den Wandregalen, die auf den Steinfliesen zersplitterten und überall ihren ätzenden Inhalt verschüt-teten.

Jakobo duckte sich zwischen die schützenden Beine des Tisches. Der Silberzahn je-doch kämpfte gegen den Sturm und las unbeirrt weiter. Sein Umhang flatterte im Wind wie ein paar schwarzer Flügel.
Für einen Augenblick starrte Jakobo direkt in den Abgrund der Hölle, in den nimmer-satten Feuerschlund. Eine Gestalt trat aus dem Portal, umzüngelt von tanzenden Flammen, begleitet von  beißendem Schwefelgestank.

Eine tiefe, grollende Stimme ertönte, als rollte der Don-ner über ein Gebirge. Sie kam von überall und nirgends. Was ist Euer Begehr?

Jakobo standen die Nackenhaare zu Berge. Innerhalb des Bannkreises stand eine Kreatur, die dem schlimmsten aller Albträume entsprungen zu sein schien. Ein unheim-liches Wesen, gekleidet in Schatten und ohne Gesicht. Dafür hatte es Augen, schreckliche Augen. Rot glommen sie in all der Finsternis, fixierten den Silberzahn und hielten ihn fest.
„Nenne mir deinen Namen!“, befahl der Zauberer und hielt dem stechenden Blick des glühenden Augenpaares stand.

Von seinem Versteck aus beobachtete Jakobo, wie sich die Schattengestalt zu einer dunklen Wolke auftürmte, als versuchte sie aus dem Bannkreis auszubrechen. Hoffentlich war das Siegel stark genug.

„Ich bin Nubes, der Schatten von Gorgul und König der Lügner. Ich bin der Dreizehnte Dschinn und Hüter der Finsternis“, dröhnte die Grabesstimme und ließ den Tisch mit-samt seinen Instrumenten wackeln.

„So höre mich an, Nubes“, begann der Silberzahn, „ich bin dein Herr und Meister! Gehorche mir!“

Die Wolke schrumpfte kaum merklich in sich zusammen, wobei sie wieder ihre scharf-umrissene Schattengestalt annahm, wie um kriecherische Unterwürfigkeit zu demonstrieren. „So sei es, mein Meister.“

Der Zauberer räusperte sich. Auf diesen Moment hatte er lange gewartet. Gleich würde auch Jakobo erfahren, welch finsteren Plan er bereits vor Jahren geschmiedet hatte und der nun, da er in den Besitz des Buches und seiner dunklen Mächte gelangt war, in grausame Tat umgesetzt werden sollte. Aber plötzlich lag eine tiefe Traurig-keit auf den Zügen des Silberzahns.
„Ich sterbe“, sagte er, den Blick in eine unbekannte Fer-ne gerichtet. „Der Tod greift mir mit seinen bleichen Händen in die Därme und flüstert mir meinen Namen ins Ohr, wenn ich mich vor Schmerzen krümme. Nichts kann mir helfen, weder Trank noch Zauber. Ich habe alles probiert, doch mir bleibt kein Monat mehr.“

Der Silberzahn war krank. Todkrank. Es traf Jakobo wie ein Schlag. Wie hatte er nur die untrüglichen Anzeichen dafür übersehen können? All die ruhelosen Nächte, die immer häufiger werdenden Stimmungsschwankungen, das Gebräu, das der Zauber wie Wasser trank. Jakobo musste blind gewesen sein. Bestürzt starrte er seinen Meister an, und es war, als sehe er ihn nach langer Zeit zum ersten Mal wieder. Der Silber-zahn war hagerer als sonst, das Gesicht weiß und ausgemergelt, die Augen tief in den Höhlen liegend. Ein wandelnder Leichnam.

Jetzt wandte sich der Zauberer wieder direkt an den Dämon. „Ich befehle dir, Nubes, mich von den Fesseln der Sterblichkeit zu befreien, auf dass der Tod keine Herrschaft mehr über mich hat. Mach mich zu deinesgleichen, zu einer kalten Seele, unanfechtbar von Krankheit und Alter. Bis in alle Ewigkeit!“
Unsterblichkeit. Darauf hatte es der Silberzahn also abgesehen.

„Ich werde Euch geben, wonach es Euch verlangt“, versprach der Schatten, doch in seinen Augen loderte ein hinterhältiges Feuer auf. „Allerdings ist daran eine winzig kleine Bedingung geknüpft.“

„Was auch immer es ist, ich werde es in Kauf nehmen. Kein Preis ist mir zu hoch“, antwortete der Silberzahn bereitwillig, als würde ihn die Aussicht seinem unvermeid-lichen Schicksal zu entrinnen, alle Vorsicht vergessen las-sen.

„Seid nicht dumm, Meister!“, hatte Jakobo dazwischen rufen wollen, aber er schwieg. Wenn doch nur sein feiges Herz nicht gewesen wäre. Warum steckte ihm nicht wenigstens ein mutiger Knochen im Leib?

„Ich verlange nichts weiter als ein unbedeutendes Versprechen“, sagte der Dämon, „überlasst mir den Jungen.“

Jakobo war starr vor Entsetzen. Er spürte den Blick des Schattens wie tastende Finger auf der Haut. Die roten Augen musterten ihn wie eine Fliege, die sich im Netz der Spinne verfangen hatte. Eine arme hilflose Fliege.

Der Silberzahn zögerte. „Wozu? Welchen Wert hat der Junge für dich?“

„Nun, Gevatter Tod wird für Euer Leben ein anderes einfordern“, erklärte Nubes. Jakobo glaubte seinen üblen Atem riechen zu können. Er roch nach Asche, kalter Asche. „Er hat es überhaupt nicht gern, wenn man ihm ins Handwerk pfuscht. Aber eine unbefleckte Seele wird seinen Zorn sicherlich besänftigen.“

„Du kannst ihn haben.“ Die Worte des Silberzahns bohrten sich wie ein stumpfes Messer in Jakobos Eingeweide.

Nein. Er konnte ihn doch nicht einfach diesem Teufel überlassen. Diesem elenden Seelenschlürfer. Jakobo über-kam ein unkontrolliertes Frösteln. Furcht. Verzweiflung. Wut. Sein Meister hatte ihn geschlagen, ihn angeschrieen und wie einen Hund behandelt, natürlich, aber er hatte ihm auch ein sicheres Heim geboten, ihn unterrichtet. Jakobo hatte ihm vertraut, ihn sogar auf gewisse Weise verehrt. Er konnte nicht glauben, dass dieser Mann nun tatsächlich im Begriff war, ihn so schmählich zu verraten.
„Steh auf, Junge“, befahl ihm der Zauberer eisig.
Jakobo rührte sich nicht. Niemals wieder würde er sei-nem Meister gehorchen. Niemals.
„Steh auf!“ Der Silberzahn geriet außer sich. Noch nie hatte sich sein Lehrling einem Befehl widersetzt. Er biss sich vor Ärger auf die Lippen, bis sie so weiß waren wie seine Haut. Dann trat er an den Tisch und wollte den Jungen darunter hervorziehen.

     Aber Jakobo wehrte sich. Als ihn die langen Finger des Zauberers zu fassen bekamen, schlug er seine Zähne so fest in das blasse Fleisch, dass er Blut schmeckte. Der Silber-zahn schrie auf vor Schmerz.
Jakobo nutzte die Gelegenheit zur Flucht. Er stürzte aus dem Laboratorium und rannte den finsteren Flur entlang. „Nicht umsehen! Lauf, lauf!“, trieb er sich an. 

Die Tür. Er rüttelte daran, doch sie war fest verschlossen. Hinter sich hörte er die hastigen Schritte des Silberzahns. Verzweifelt suchte Jakobo nach einem Versteck, irgendeiner dunklen Ecke, wo ihn sein Meister nicht fin-den würde. Aber wo nur? Ein Schluchzen entrang sich seiner Brust. Da fiel ihm die Hintertür in der Küche ein. Sie führte in eine schmale Gasse an der Rückseite des Hauses, an deren Ende die Freiheit wartete.
„Hier geblieben, du bissiger Bastard!“ Der Silberzahn trat ihm in den Weg. Er hielt drohend ein Messer in der Hand, mit dem er sonst Zutaten für seine Tränke schnitt. Sein Gesicht war eine wutverzerrte Grimasse. „Du wirst nirgendwohin gehen.“
„Warum?“, fragte Jakobo nur.
„Warum was?“ Der Silberzahn drückte sich die verletzte Hand gegen die Brust. 
„Warum wollt Ihr mich in den Tod schicken?“, Jakobo spürte die Worte schwer auf der Zunge.
Jetzt lachte der Zauberer. „Damit ich leben kann. Ewig. So einfach ist das. Und nun wirst du gehorchen und mit mir mitkommen oder ich überlege mir, was ich dir zuerst abschneiden werde. Ab mit dir! Du hast mir noch einen allerletzten Dienst zu erwei-sen.“

Es war ein eigenartig vertrautes Gefühl, als der Silberzahn Jakobo am Kragen packte und hinter sich herschleifte. Jakobo leiste keinen Widerstand. Was hätte das auch für einen Sinn gehabt? Es gab ohnehin kein Entrinnen mehr. Er würde an Stelle seines Meisters in den Tod gehen. Vielleicht war das ja sein Schicksal, vielleicht war es vor-herbestimmt, dass er sich opferte, damit jemand anderes lebte. Vielleicht.

„Hier ist die unbefleckte Seele.“ Der Silberzahn gab seinem Lehrling einen unsanften Stoß in den Rücken, so dass dieser ins Stolpern geriet und vor dem Beschwörungs-siegel auf die Knie fiel. „Im Austausch gegen mein unsterbliches Leben.“
„So will ich Euch nun geben, wonach sich Euer sterbendes Herz verzehrt. Tretet vor, mein Meister. Kommt zu mir.“
Wie verlockend die Stimme klang.

Der Silberzahn zog die kleine Glasflasche aus seiner Innentasche, schenkte ihr einen letzten verächtlichen Blick und schleuderte sie gegen die Wand. Dann trat er in den Bannkreis, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen  . . .

Doch im nächsten Moment machte es einem Ausdruck des Grauens Platz. Es ging so schnell, dass Jakobo gar nicht richtig mitbekam was überhaupt passierte. Er sah nur, wie der Schatten eine schwarze Hand nach dem Silberzahn aus streckte und die Finger tief in dessen Brust tauchte. Der Blick des Zauberers wurde glasig, die Über-raschung auf den erstarrten Zügen. Er fiel auf die Knie und öffnete den Mund zu einem stummen Schrei, als der Dämon über ihm kam. 
„Verschwinde!“, schrie alles in Jakobo. „Verdammt noch mal, verschwinde endlich!“
Aber er rührte sich nicht. Seine Beine versagten ihm den Dienst. War es die Angst, die sie lähmte oder etwas anderes? Warum ließ er seinen Meister nicht einfach zurück? Der Silberzahn hatte ihn schließlich mit gutem Gewissen an dieses Ungeheuer ausliefern wollen. Lass ihn sterben, dachte er, lass den Schatten ihn fressen und rette dein eigenes Leben  . . .

Nein. Irgendetwas, tief in seinem Geiste, sträubte sich dagegen, den Zauberer feige im Stich zu lassen. Er konnte es nicht. Doch wie sollte Jakobo seinem Meister bei-stehen? Wie nur? Und plötzlich entdeckte er das Buch auf dem Tisch, das ver-wünschte Buch, zwischen dessen Seiten nichts als Unglück steckte. Jakobo stürzte darauf zu und griff mit fliegenden Fingern danach, ohne dass der Schatten überhaupt Notiz von ihm nahm. Zu sehr war das Unge-heuer damit beschäftigt das Leben aus seinem Opfer zu saugen.

Das war es also, das Schattenbuch. Es lag ziemlich schwer in den Händen, als wögen all die Sünden, mit denen es bis an den Rand gefüllt war. Hoffentlich würde es nicht noch ein Ungeheuer ausspucken. Vorsichtig hob Jakobo den Deckel, als öffne er eine Schachtel, in der eine giftige Schlange lauerte. Wie von einem jähen Windzug erfasst, begannen die Seiten zu flattern.

Nubes ließ mit einem Mal vom Silberzahn ab und wandte sich zu dem Jungen um, der das Buch, das ihn in diese Welt geholt hatte, in den zitternden Fingern hielt. „Wage es nicht!“

Jakobo überflog die Seiten, die sich eigenständig vor ihm aufgeschlagen hatten. Sie waren mit eckigen Runen und Symbolen in roter Tinte beschrieben. Die Zeichen schienen auf dem alten Papier zu tanzen und immer wieder neue Formen anzunehmen. Es versetzte Jakobo einen hef-tigen Stich. Er konnte die eigentümlichen Hieroglyphen nicht entziffern.
„Was ist? Kannst du die Entlassungsformel nicht finden, mein Junge?“, höhnte der Dämon. „Zu schade aber auch. Aber keine Sorge, ich werde mich sofort um dich kümmern, nachdem ich deinen Meister verschlungen habe. Mit seinem Tod verliert das Bannsiegel seine Macht und ich bin frei.“

„Du musst das Buch verbrennen …“ Das war der Silberzahn. Seine Stimme war kaum mehr als ein Röcheln.

Feuer! Jakobos Blick schweifte hinüber zum Kamin, in dessen Rachen die grellen Flammen hungrig fauchten, als warteten sie darauf gefüttert zu werden. Ohne zu zögern warf er das verfluchte Buch hinein. Schmatzend und schleckend loderte das Feuer auf.

„Neeiinnn!“ Der Schatten verwandelte sich in eine pechschwarze Rauchfahne, die brodelnd bis zur Decke aufstieg.
„Fort mit dir!“ Rauch und Hitze stachen Jakobo in die Augen, während der Schatten seinen unförmigen Schlund voll Entsetzen aufriss. Er schrie und schrie und seine grausige Gestalt verging wie Rauch …

Das Buch brannte noch eine ganze Weile, es färbte sich grau und zerfiel zu matter Asche. Jakobo glaubte an seinem eigenen Herzschlag zu ersticken. Er hatte es tat-sächlich geschafft, er hatte den Schatten bezwungen. Kaum zu glauben. Jakobo der Zauberlehrling.
„Junge …“

So überrascht war Jakobo über seine eigene Heldentat gewesen, dass er den Silber-zahn vollkommen vergessen hatte. Der Zauberer kauerte im Bannkreis, sein Atem ging rasselnd. Er war schwer angeschlagen.

„Hilf mir, Junge.“ Der Zauberer streckte eine zitternde Hand nach ihm aus.

Aber Jakobo wich zurück. Er schüttelte den Kopf. Der Mann, der dort auf allen Vieren über den Boden kroch, war nicht länger sein Meister. Nein, die Zeiten waren ein für alle mal vorbei. Ohne ein weiteres Wort kehrte Jakobo ihm den Rücken zu und eilte aus dem Laboratorium, den Flur entlang in die Küche. Unschlüssig blieb er einen Augenblick in der offenen Hintertür stehen. Es hatte zu schneien begonnen, winzige eisige Flocken, und die Stadt sah aus, als trüge sie ein weißes Kleid. Dann hastete Jakobo die schmale Gasse entlang, seinem neuen Schicksal entgegen. Allein. Wieder allein.

 
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